Von Elefanten und Viren

„Ein Babyelefant“, so beschreibt ein Aufklärungsvideo der österreichischen Regierung die Länge des Abstands, den wir zu anderen Menschen halten sollen. Geklärt ist damit aber nicht, zu wem. In Frage stehen mit den Distanzregeln sowohl der alltägliche Umgang als auch gängige Sozialstrukturen. Der Babyelefant zertrümmert hier nicht nur die Chance auf Umarmung, sondern auch das starre Festhalten an alten Familienkonstellationen.

Dieses Video hat Herr Kurz mit der sich in ihrem „Elefantenzimmer“ beratenden Werbeagentur „Jung von Matt“ gemacht. Was für eine tolle Hamburg-Wien-Beziehung!

In vielen Ländern wurde immer wieder hervorgehoben, dass man bei strengeren Maßnahmen zu den Menschen in seinem Haushalt und bei Lockerungen auch zu seiner Familie Kontakt haben kann. Doch was ist die Familie? Und wer ist uns wirklich am Nächsten?

Gerade heutzutage, wo unglaublich viele Single-Haushalte existieren und die Gemeinschaft eher unter Freunden als zu den Blutsverwandten gesucht wird, sollte man sich diese Frage neu stellen. So stiftete nicht nur in Italien das Wort „congiunti“, das Verwandte ebenso wie Bekannte meint, allgemeine Verwirrung, wenn es darum geht, mit wem man was teilen darf.

In den Zeitungen wird neben der Familie vor allem auf „Corona-Buddys“ gesetzt, mit denen man sich wenigstens im Park treffen und ein Bier trinken darf. Doch zumeist heißt es, dass man die Zeit lieber ganz allein mit Kundalini-Yoga und Kuchenbacken verbringen soll (wobei das eine wohl das andere ausgleicht). Bei Tinder und anderen Dating-Apps wird dagegen in die ferne Zukunft geschoben, was man gerade nur über den Touchscreen imitieren kann.

Die Kulturwissenschaftlerin Zoë Sofoulis aus Australien erweitert die Buddys dagegen zu einer ganzen Gruppe: Nach ihr sollte man „co-viral groups“ bilden, die in einem größeren Zusammenhang nicht nur ihre Freizeit, sondern auch ihr Mikrobiom teilen. Sie dürfen sich häufig sehen und sogar umarmen: „A co-viral group might consist of non-cohabiting relatives (kin) and/or friends and neighbours (kith); they could even be formed around serological status.“

Der serologische Status, zu Deutsch: der Antikörper-Status. Nicht nur seit Corona ist er Indiz für Familiarität: So haben viele Immunologen neben der Liebe, die auch Nicht-Blutsverwandte familiär macht, schon immer das gleiche Mikrobiom als engstes privates Netz gesehen. Tatsächlich gehören zu diesen „co-viralen“ Familiengruppen dann auch Katzen und Hunde, die an Türklinken und Teppichböden im gleichen Haushalt schlecken.

Mit wem also sind wir verwandt? Nur mit Mutter, Vater, Geschwistern? Oder doch mit Freunden und Haustieren? Vielleicht sogar den Viren selbst?

Das jedenfalls impliziert ein Artikel aus der FAZ: Viren könnten zwar nicht ohne uns, aber wir auch nicht ohne sie leben. Denn sie prägten schon seit Urzeiten unser Genom. Je nach Ausbruch einer neuen Pandemie oder auch nur einer kleinen Krankheitswellen müsste der Mensch sich an die veränderte Virenwelt anpassen.

Dafür kann man weit in der Geschichte zurückgehen und muss nicht erst beim Anthropozän wie der FAZ-Artikel anfangen. Viel eher sind es die Anfänge der Landwirtschaft und der Sesshaftigkeit, die unsere Virenanfälligkeit, aber auch unsere Medizin geprägt haben.

Der Evolutionsbiologe Jared Diamond beschreibt zum Beispiel in seinem Buch The Rise and Fall of the Third Chimpanzee, wie der Mensch, der dritte Schimpanse, durch Ansiedelung und Landnahme durch die Krankheitserreger von Tieren angesteckt wurde – und sich diesen anpassen musste. Erst Koch und Pasteur haben mit der modernen Medizin und damit der Erkenntnis von Mikroben diesen Kreislauf durchbrochen.

Besonders der Landarzt Robert Koch, dessen Institut heutzutage die Regeln für den Umgang mit Krankheiten bestimmt (egal wie sehr sie sich gegenseitig widersprechen), hat über den Erreger für Milzbrand aus einer Kuh die erste Impfung erfunden. Auch Covid-19 soll bekanntlich aus einer Fledermaus kommen, von der ein Schwein gebissen wurde, das wiederum ein Mensch gegessen hat.

Mit wem also sind wir verwandt? Mit Schweinen, Kühen, Fledermäusen und ihren Viren?

Donna Haraway würde dazu auf jeden Fall laut ja sagen. In ihrem Buch Staying with the Trouble, ruft sie dazu auf, keine Familien mehr zu gründen, sondern sich familiär mit der gesamten Umwelt zu fühlen: „Make kin, not babies“, heisst es hier so schlagkräftig und macht eine viel größere Verantwortlichkeit deutlich: Sie bezieht sich nicht mehr nur auf Freunde und Nachbarn, sondern auf Orchideen, Tauben, Spinnen und Mikroben. „The task is to make kin in lines of inventive connection as a practice of learning to live and die well with each others in a thick present.“

Ich würde Haraway zwar nicht unbedingt folgen, wenn sie einfordert: „not to have a child“, um sich von den vielen alteingesessenen (sesshaften), patriarchalen und vor allem auch unflexiblen sozialen Strukturen frei zu machen und damit neue Verwandtschaften zu ermöglichen. Doch ihr Diktum „make kin“, also eine viel größere „response-ability“, eine Fähigkeit zur Ver-antwortung in unserer globalen Welt zu entwickeln, erscheint mir äußerst wichtig zu sein. Nicht nur in Bezug auf Corona, sondern angesichts von Klimawandel und dem unglaublichen Gefälle, in dem sich Arme und Reiche bewegen.

Es scheint mir, ganz egoistisch, zwar notwendig für meine eigene persönliche und paarische Entfaltung ein Kind mit dem Mann zu haben, dessen Mikrobiom ich jetzt schon seit längerer Zeit teile und dessen Haare ich gern mal mit meinen Augen, oder dessen Lippen ich gern mal mit meinem Kinn kombinieren möchte. Wie gesagt, ganz narzisstisch.

Angesichts von Überbevölkerung, die ja einen großen Teil des aktuellen Krankheitsbildes ausmacht, ebenso wie der zunehmenden Ungleichverteilung in der Welt halte ich aber mehr als ein Kind schon fast für unverantwortlich.

Auch wenn ich natürlich keinen einzigen Sohn oder Tochter meiner Freundinnen missen möchte.

Es geht mir vielmehr darum, eine andere „response-ability“ und damit auch ‚relat(e)ivity‘ (Verhältnis/Verwandtschaft) aufzuzeigen, an der sogar Haraway vorbeischaut. Anstatt den Blick auf Orchideen und Spinnen zu richten, die schon in einige europäische Haushalte eingezogen sind, meine ich, man sollte auf die Kinder selbst gucken. Die nachfolgende Generation, die in schrecklichen Umständen und mit schrecklicher Ungewissheit aufwächst.

Und sie adoptieren.

Warum sollte eine reiche europäische Familie – zu der ich unseren Haushalt auf jeden Fall zähle, und mich sogar mit meinen 1100,- Euro Nettogehalt noch an der Spitze vieler Lohnarbeiter weiß – warum sollten wir Reichen, diesen Reichtum für uns allein haben? Warum sollten wir nicht wegkommen von den national geteilten Mikrobiomen und so eventuell auch Pandemien, Hunger, Bildungslosigkeit und Armut reduzieren können?

Dafür bräuchte es keine großen politischen Beschlüsse, wie sie in der Flüchtlingskrise ganze Gesellschaften aufgehetzt haben und wie sie heutzutage gegenüber z. B. Griechenland, Syrien und Libyen einfach gar nicht mehr getroffen werden.

Dafür bräuchte es private Entscheidung und Verantwortlichkeit für mehr als nur den blutig-territorialen Nächsten. Ein Bewusstsein dafür, dass die Missstände der Welt nicht abstrakt auf Ökonomie-, Wetter- und Baktierenverhältnisse verschoben werden können, sondern ganz einfach an uns selbst hängen.

Haraways: „make kin“ würde ich also als ein: „make adoptees“ narrativieren. Ich habe ein Kind, ich adoptiere eins. Eins aus einem Land, Milieu oder Familie, dem oder der es schlechter geht. Je nach Haushalt, Zeitkapital und Einkommen dürfen es dann auch gern mehr von beidem sein. Aber stets im relativen Verhältnis zueinander. Und wer unbedingt keine Kinder haben will, der muss sich eben anders verantwortlich zeigen. Über Spenden und Zeitinvestitionen, die Singles und Paare ohne Kinder sicherlich in größerem Maße aufbringen können.

Ganz utopisch glaube ich sogar, dass das viele (psychologische) Probleme der Kernfamilie lösen könnte, dass rassistisches Denken sowie nationalistisches Vermauern damit weniger möglich wären.

Auch der Elefant – wohl eines der sozialsten Tiere überhaupt – lebt nicht in einer Klein-, sondern in einer Gruppenfamilie: Hier sind es die Frauen, die sich zusammenschließen und die eigenen sowie die Kinder der Anderen pflegen. Die Männer leben allein oder in Junggesellengruppen.

Ohne zur Amazone zu werden: Um die Welt zu verändern, braucht es ganz offenbar ein neues Denken zu Verwandtschaft und Mutterschaft.

Das hat Kurz, unser konservativer Bundeskanzler, ganz ohne es zu wissen, mit dem Babyelefanten auf jeden Fall geschafft. Das Tier läuft jetzt durch die österreichischen Porzellanbeziehungen.

TÖRÖ!

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