Warum in die Ferne schweifen…

wenn das Gute liegt so nah. Für viele Frauen liegt es im eigenen Bauch verborgen: ein darin heranwachsendes Kind als Krönung jeder Partnerschaft oder zumindest Erfüllung weiblichen Biologie. Ein Kind konzentriere auf das Wesentliche, schenke Liebe, erwecke nicht nur in Schwangerschaft und Stillzeit Glückshormone. Es wird zum Zentrum des eigenen Universums. Dabei scheinen diese kleinen Wesen überhaupt nicht von dieser Welt zu kommen. Es ist neuer Erdenbewohner und Alien zugleich. Das Nächste und Fernste des Menschen.

Der Wissenschaftsfotograf Lennart Nilsson sorgte 1965 für eine Sensation: Er veröffentlichte erstmals Bilder ungeborener Babys von der Eizelle bis zum neunten Monat. Auf dunklem Grund leuchten diese Embryos wie Raumfahrer in einer roten Fruchtkapsel auf. Die Eizelle erstrahlt wie unser blauer Planet im Weltall. Spermien, Flimmerhärchen und Gelbkörperhormone erscheinen wie psychedelische Kalendermotive vom Kosmos.

Dazu werden aufmunternde Sprüchen wiedergegeben: Es ist die Rede vom „tapferen“ Samen, der sich durch das saure Scheidenmilieu kämpft („das schaffen nur die besten Spermien!“). Von der schönen Eizelle und ihrem Strahlenkranz aus Nahrungszellen, der corona radiata, welche das tapfere Spermilein empfängt. Bei Entstehung des Fötus wird dann gleich das Auge als „Spiegel der Seele“ in den Vordergrund gerückt, das bereits in der 13. Woche voll entwickelt ist (die Seele damit auch?). „Schwerelos schwebe“ das gebeugte kleine Wesen, das fast nur aus einem Kopf besteht, in dem Fruchtwasser – „mit dem Salz des Urmeers“, den Milliarden von Kleinstorganismen, die es nähren und schützen. Kosmologische und anthroposophische Erzählungen fließen hier zusammen.

Die überirdische Ästhetik wird nur in dem Moment der Geburt durch eine geradezu verstörende Softporno-Ästhetik durchbrochen:

Beinahe wie im Schulmädchenreport, der nur wenige Zeit später über alle Flimmerkästen laufen sollte, werden im Namen der sexuellen Befreiung der 1970er frisch geschminkte, verzückte Mütter gezeigt, die sogar mit Wonne ihren eigenen Mutterkuchen anblicken.

An dieser Stelle kommen wir ‚really down to Earth‘! Im Folgenden sind nur noch die bekannten Babybilder von glücklichen jungen Familien zu sehen.

Doch im Bauch, da herrschte ein anderer Modus: Diese tatsächlich in ihrer Unbekanntheit dem Ozean und Universum vergleichbare Welt, gerät bei Nilsson zu einer faszinierend galaktischen Darstellungsweise, die Bezüge zu ganz anderen Wesen herstellen lassen, als dem happy und sweet child bzw. der kleinen Mandarine oder dem Äpfelchen, wie die Föten in den meisten happy Mammi-Foren genannt werden.

Besonders die ganz jungen Embryos mit ihren zur Seite geschobenen Augen, ihren flossenartigen Arm- und Beinansätzen sowie dem riesigen Stirnbereich scheinen eher aus der Feder eines H. R. Giger zu stammen, des Erfinders der Alien-Monster. Auch diese Ungeheuer sind im Fötusstadium kleine zusammengerollte Eiwesen, die im letzten Film Alien: Covenant von dem Androiden David ganz selbstverständlich neben die in den Brutkästen ruhenden menschlichen Föten gelegt werden.

Eine neue Ära beginnt. Das Alien wird als Fortführung und Erweiterung des Menschen gedacht – jedenfalls von David, der selbst ein menschengemachtes Monster ist.

Sowohl die Alien-Reihe als auch Lennart Nilsson scheinen mit ihren Bildern deutlich zu machen, dass das Fernste eben keineswegs allein in den Weiten des Alls zu suchen ist, sondern ganz in unserem Inneren gefunden kann. Als entstehender Mensch.

Eine Wahrheit, die ich selbst – zum ersten Mal schwanger – gerade am eigenen Leib erfahre: Auch mein Ungeborenes bewegt sich durch eine Welt, die nicht mit meiner eigenen vergleichbar scheint.

Es ist ein Zwischenwesen, kein Facehugger, aber ein Organismus, der sich in so rapider und unglaublicher Weise entwickelt und dabei so viele Stadien durchmacht, dass es schwerfällt ihn nicht mit einem Alien zu vergleichen. Während ich mein Müsli mampfe, bastelt er schon an tausenden neuen Gehirnzellen. Wenn ich gehe, dann ruht er in mir. Liege ich, beginnt er den gewonnenen Platz zu nutzen und tatsächlich scheinbar schwerelos im Fruchtwasser zu purzeln. Ein anderer Raum- und Zeitfahrer.

Natürlich kann man das unter dem Label: ‚Wunder des Lebens‘ oder ‚Geschenk der Natur‘ bestaunen, jedoch damit auch ad acta legen.

Aber ist es nicht unglaublich spannend, dass wir selbst heutzutage mit den exakten Bildgebungsverfahren, welche Nilssons Bilder bei Weitem übertreffen, immer noch vor einem Mysterium stehen? Während sich die Darstellung des Schweden letztlich als aufwendig inszenierte tote Föten herausstellten, scheinen die Ultraschall- und 3-D-Bilder der Gegenwart die Idee von einem extraterrestrischen Wesen sogar zu nähren. Es erscheint in Schwarzweiß oder bräunlichem Ton wie ein Alien immer nur kurz aus der schwarzen Masse hervor, bewegt ein kaum erkennbares Beinchen, zeigt verpixelte Nasen oder grotesk geweitete Augen (da sie so weiß aufleuchten), die mich sogar an die nackte Gestalt des Terminator denken ließen.

Das Ungeborene bleibt fremd, je näher es herangeholt wird.

Dies ist nirgendwo so schön dargestellt wie in einem Bilderbuch für Kinder selbst. 

Das Kleine von ISOL kommt nicht aus dem Bauch, sondern fällt vom Himmel auf die zuvor ruhige Stadt herab. Vorher scheint noch alles normal, auf den Dienstag folgt der Mittwoch, wie es im Buch heißt, doch dann kommt „ein E.T.“ an: ein nacktes und schreiendes Wesen.

„Das Kleine ist ein großes Ereignis! Wo kommt es her? Wo war es bis jetzt? Sieht es aus wie wir?“ fragen sich alle und bekommen keine Antwort, außer dass es eine lange Reise hinter sich hat, die im Bilderbuch wie die Reise in einer Raumfahrtkapsel dargestellt wird. Das Schiff ist die Mutter. Wie der Technikphilosoph Paul Virilio sagt, ist sie das „erste Transportmittel der Gattung Mensch“.

Statt dass sich der kleine E.T. nun allerdings seiner Umgebung anpassen muss, muss seine Umgebung lernen, seine Sprache zu sprechen und seine laut ertönende „Sirene“ zu deuten. Wahrscheinlich den Brüdern und Schwestern des Säuglings, aber auch den Eltern, die es immer wieder kaum glauben können, wer da nun neu zu ihnen gekommen ist, erklärt das Bilderbuch: Dass das Kleine seinen Hunger „am liebsten von der Frau des Hauses“ gestillt bekommt; enorm gut ausgestattet und eben nicht abhängig und hilflos ist, zum Beispiel durch Löcher und Antennen an seinem Körper – die Erdenbewohner müssen nur kapieren, wofür sie gut sind!

Eben diese geheimnisvolle Welt, die durch die monatlichen Ultraschallbilder oder durch Aufnahmen wie die von Lennart Nilsson in ihrer merkwürdigen, kosmonautischen Ästhetik ebenso eingefangen wird, erscheint mir vor allem in ihrer Autonomie und Getrenntheit bemerkenswert: Heutzutage dominiert maximale Vorsichtsmaßnahme und absolute Anhängigkeit den Mutter-Kind-Diskurs.

Als Frau kann man eigentlich alles nur falsch machen: was man isst, wie man schläft, was man fühlt, hat einen direkten (zumeist fatalen) Einfluss auf das entstehende Leben.

Aber das Kleine als ein Alien wahrgenommen, zeigt etwas anderes: Es baut sich selbst in einer ihm eigenen Zeit in einer ihm eigenen Welt auf.

Statt ewiger Selbstgeißelung, wie es die tausenden Schwangerschafts- und Stillbücher oder mami.coms empfehlen, lohnt es sich vielleicht auf dieses Wesen eigener Zeit und eigenen Seins zu hören. Oder um es radikaler zu sagen: Die Empfehlung, das Kind nicht zu vereinnahmen, gilt, meiner Meinung nach, bereits in der Gebärmutter.

Nicht der Rohmilchkäse, Alkohol oder Basilikum, Ingwer, Honig usw., die seitliche Drehung im Yoga, das Springen im Aerobic beeinflussen dieses Kind auch nach der Geburt unwiederbringlich. Sondern ob wir ihm – schon im Mutterschiff – zutrauen, dass es seinen eigenen Weg findet. Auch wenn uns dieser manchmal unheimlich erscheint.

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