Ideal der Versehrtheit

„Die Gesundheit ist ein ungewisser Zustand, der nichts Gutes verheißt“, schreibt die Nobelpreisträgerin Olga Torkarczuk in ihrem 2009 erschienen Roman „Der Gesang der Fledermäuse“. Das Ungewisse scheint vor allem ihr Ende zu sein: Wenn Krankheit und Schmerzen das Leben bestimmen. Doch gibt es nicht auch ein Ideal der Versehrtheit? Eine Bereicherung durch den kranken Körper?

„Mein Leiden taucht hinterrücks auf, man kann nie wissen, wann. Irgendetwas passiert dann in meinem Körper, meine Knochen beginnen zu schmerzen […] Man kann diesem Schmerz nicht entgehen, es gibt keine Tabletten oder Spritzen dagegen. Er muss schmerzen, genauso wie der Fluss fließen und das Feuer brennen muss.“ Die Protagonistin Janina aus Tokarczuks Roman wird immer wieder von einer heftigen Krankheit gepackt, die die sonst so agile Mitt-Sechzigern teilweise tagelang an ihr Haus fesselt. Heutzutage wäre sie ohnehin in Quarantäne und dies wohl nicht – wie wir Jungen – nur für ein paar Wochen.

Die Stimmen in den Regierungen werden immer lauter, dass besonders die Alten und Kranken eine „Verhaltensänderung“ erlernen müssen, wie Kanzler Kurz in seiner neuen Kampagne „Schau auf dich, schau auf mich“ verkündet.

Sie sollen lernen per WhatsApp und Mail Kontakt zu ihren Nächsten zu halten. Gerade die, die den Bildschirm und das Facetiming überhaupt nicht gewöhnt sind.

Läge nicht viel mehr daran, von den Alten zu lernen? Wie in Tokarczuks Roman scheinen sie mit einem Wissen um die Versehrtheit und Verletzlichkeit des Körpers ausgestattet, das unsere krampfhaft junge und gesunde Gesellschaft so erfolgreich verdrängt.

Nicht nur, wie Foucault beschreibt, indem Krankenhäuser schon seit der Moderne ins Zentrum der Städte gesetzt und die Friedhöfe an den Rand verbannt wurden. Oder, wie Agamben betont, indem lebenserhaltene Maschinen plötzlich sogar den Tod irrelevant machen. Sondern auch durch unser ganz alltägliches Verhalten: Unsere Fitness-Apps, die Health-Pässe, vegane, ketogene oder zumindest proteinreiche Ernährung.

Beständig wird dem Ideal des Gesunden und Kräftigen hinterhergejoggt. Nicht umsonst bemüht die österreichische Regierung gerade immer wieder die Metapher des „Marathons“ für die Zeit des Virus (was man dem dicken Kogler am wenigsten abkauft) und ist ein unglaublicher Boom an Quarantänejoggern unterwegs.

Doch was ist, wenn man nicht mehr zu den Gesunden gehört? Wenn der Körper bereits auf andere Weise zu einem gesprochen hat?

Meine über 80-jährige Großmutter scheint diese Sprache nicht nur aufgrund eines eigenen schweren Lymphkrebses, sondern auch wegen des plötzlichen Todes ihres Mannes zu verstehen. Mein Opa ist vor zwei Jahren – fast wie eine Prolepse auf den Coronavirus – aufgrund einer seltsamen Lungenkrankheit an Beatmungsgeräten gestorben. Es war zwar schrecklich ihn so zu sehen: Zusammengesunken an den riesigen Maschinen, die Wangen von der hereingepressten Luft immer wieder wie zwei Ballone aufgeblasen. Aber das wirklich Beeindruckende war, dass mein Opa weder überrascht von seinem Hinscheiden schien, noch allzu sehr unter dieser – wie ja immer wieder betont wird – entmenschlichenden Situation gelitten hat. Er hatte bereits Frieden mit sich und dem Leben geschlossen, bevor wir alle überhaupt erst darüber nachdenken wollten, dass es auch zu Ende gehen kann.

Für ihn, wie für meine Oma gehören Krankheit und Tod zu einer alltäglichen Gewissheit. Deswegen geht meine Großmutter auch weiter einkaufen, während ihr junge Leute hinterherrufen, dass sie „wegen ihr“ zu Hause bleiben müssten.

Aber das ist nicht wahr. Was man beobachten kann, ist eine riesige Welle der Angst, die vor allem die 30- bis 40-Jährigen ergreift und hier insbesondere die starken Männer, während viele ältere Mitmenschen ganz anders auf den derzeitigen Panikstrom reagieren. Sie wissen, dass Leid zum Leben dazugehört, „genauso wie der Fluss fließen und das Feuer brennen muss.“

Vor ein paar Tagen war ich auf einem Friedhof spazieren. Ein guter Raum für Isolation, weil er eben nicht zu den Zentralorten von Gemeinden gehört. In der Sonne Wiens bin ich an großen Familiengräbern entlanggewandert. An den Steinen, die davon zeugen, dass es normal ist, dass Menschen sterben und sich dabei auch die Genealogien verschieben. Sie erzählen ganz eigene fürchterliche und zugleich faszinierende Geschichten.

Auf einem Grabmal sieht man die Namen von 18 Familienmitgliedern zusammenkommen.

Manche von ihnen umspannen die gesamte Zeit von der Jahrhundertwende bis in unser Zeitalter hinein. Andere werden nur 22, 13 oder sogar nur ein Jahr alt. Doch sie alle sind hier versammelt, sind Teil einer größeren sowie ihrer ganz eigenen kleinen Geschichte. Man sieht nicht, ob sie vielleicht an der Spanischen Grippe – die ja immer wieder als Referenzmodell für Corona herangezogen wird, obwohl sie vermutlich viel verheerender war – erkrankt sind oder von einer Pferdekutsche oder schon einem Auto überfahren wurden. Man sieht es so wenig, wie man in den Körpern der Covid-Verstorbenen erkennen kann, welchen Anteil der Virus wirklich an ihrem Ableben gehabt hat.

Das Leben ist immer eine Summe und keine Einzelheit. Auch wenn es von einem einzelnen Ereignis hinweggerafft wird.

In Tokarczuks Buch verändert sich durch die Krankheit der Protagonistin auch ihre Wahrnehmungsweise: „Manchmal überfällt mich so eine Rührung – ich glaube, das hängt mit meinem Leiden zusammen. Meine Abwehrkräfte werden schwächer. […] Alle Männer waren Brüder, und alle Frauen waren Schwestern. Wir waren uns so ähnlich. Vergänglich, flüchtig, vernichtsungsanfällig.“

Durch den von Schmerz und Gebrechen gezeichneten Blick wird eine Weichheit und Verletzlichkeit der Existenz sichtbar, die sonst hinter der Rüstung von Tabletten und Spritzen, von Ertüchtigung und Ernährung, von dem derzeitigen „Überwachen und Strafen“ (Foucault) verhehlt wird.

Durch diese Weichheit erscheinen alle Menschen als „weiße Melusinen“, die ganz empfindsam und dünnhäutig durch die Welt schweben und von jedem stärkeren Windhauch hinweggefegt werden können. Das ist natürlich erschreckend. Aber nicht zuletzt in Tokarzcuks Buch auch wunderschön.

Vielleicht kann die heilige Corona neben all ihren Schattenseiten, wenigstens ein kurzes Licht auf diese vergessene Seite des Lebens werfen. Und wir können wirklich innehalten. Ganz ohne Quarantäne.

2 Kommentare zu „Ideal der Versehrtheit

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